Hinweis: neue Seite „Blogs von Menschen mit psychischer Erkrankung“

Liebe Leser, vielleicht hat es mancher schon gesehen: Ich habe eine neue Seite oben im Menü: „Blogs von Menschen mit psychischer Erkrankung“ . Dort möchte ich gerne Blogs von Betroffenen oder Angehörigen verlinken, die über das Leben mit einer Erkrankung bzw. die Erkrankung selbst bloggen. Untereinander sind viele von euch ja gut vernetzt, soweit ich das mitbekomme. Allerdings habe ich auch einige professionelle Leser (Psychologie-Studenten, Therapeuten, …), die sich in dieser speziellen Blog-Szene wahrscheinlich nicht so gut auskennen und von einer solchen Liste sicher profitieren könnten. Und vielleicht ist ja für die „Vernetzten“ auch noch das Ein oder Andere neue dabei… 🙂 Mit euren Blogs leistet ihr nämlich einen großen Beitrag zum Verständnis! Es ist schön, eure Wege und Gedanken mitverfolgen zu können.

Wenn ihr Interesse daran habt, mit eurem Blog dort aufgenommen zu werden, kontaktiert mich doch am besten mit Nennung der Kategorie(n), in der/denen ihr erscheinen möchtet, dann nehme ich euch auf.
Über eine Verlinkung auf eurem Blog freue ich mich, aber sie ist natürlich keine Bedinung zur Aufnahme.

Allen in den letzten Tagen hinzugekommenen neuen Lesern an dieser Stelle noch ein herzliches Willkommen! Schön, dass ihr da seid!

Auch Psychologen kochen nur mit Wasser

Auch Psychologen kochen nur mit Wasser

Kürzlich war ich auf einer Weihnachtsfeier eingeladen und hatte Gelegenheit, mit einer Dame ins Gespräch zu kommen. Wir kennen uns schon viele Jahre und unterhalten uns immer wieder gerne. Sie erzählte mir etwas Persönliches und schloss ihren Bericht mit dem Satz ab: „Aber du bist ja Psychologin, das weißt du ja bestimmt schon ganz lang„.

Hat sie Recht? Wusste ich das schon ganz lang?

Solche Aussagen begegnen mir recht häufig. „Das hast du ja sicher schon bei unserer ersten Begegnung gesehen!“, „Ich hab mich selber da noch nicht verstanden, aber du kannst mir das ja bestimmt erklären“ oder „Ach, das hast du ja eh schon gemerkt“ sind nur einige Beispiele. Offenbar traut man mir durch meinen Beruf Superfähigkeiten zu. Ein Mal sagte ich im Spaß zu jemandem: „Ja, wie man Leute durchschaut, indem man ihnen ein Mal tief in die Augen sieht, lernt man im dritten Semester!“. Die Person sah mich daraufhin mit großen Augen an und formte mit dem Mund ein erstauntes „Ooooh“. Erst in dem Moment begriff ich erschrocken, dass man mir das geglaubt hat. Aufklärung war also angesagt….

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Ritzen – eine neurobiologische Perspektive

In meiner psychotherapeutischen Arbeit spreche ich häufig mit (hauptsächlich) jungen Menschen, die sich ritzen oder früher geritzt haben. Meist erzählen sie mir, dass sie im Umfeld auf großes Unverständnis stoßen. Häufig hören sie Aussagen wie „Lass es doch einfach sein!“ oder „wie kannst du sowas nur machen??“ und fühlen sich unverstanden. Leider höre ich auch immer wieder von Fällen, in denen die Betroffenen selbst bei Psychotherapeuten auf Unverständnis getroffen zu sein scheinen.
In diesem Artikel möchte ich einen kleinen Einblick in dieses Thema geben, mit dem sich eigentlich ganze Bücher füllen lassen.

[ACHTUNG – für Menschen mit selbstverletzendem Verhalten können unten stehende Ausführungen unter Umständen als Trigger fungieren. Sorgt bitte gut für euch und entscheidet bewusst, ob ihr weiterlesen möchtet oder nicht.]

Warum ritzen sich Menschen?

Die Gründe fürs Ritzen sind meiner Erfahrung nach mindestens so verschieden wie die Menschen selbst. In meinen Gesprächen versuche ich, mit der betroffenen Person eine möglichst individuelle Antwort auf diese Frage zu finden.


Sehr viele, insbesondere Borderline-Patienten, berichten von einer Spannungsreduktion durch das Ritzen. Zuvor habe sich ein innerer, emotionaler Druck aufgebaut, der nun irgendwie entladen werden müsse. Beim Ritzen selbst spüren viele Menschen kaum oder gar keine Schmerzen. Für Patienten mit Borderline-Diagnose wurden die diesbezüglichen neurobiologischen Mechanismen untersucht. Kurz zusammengefasst: Der innere Druck lässt sich mit einer übermäßigen Aktivität in bestimmten Gehirnbereichen (u.a. der Amygdala), die für die Emotionsverarbeitung zuständig sind, neurologisch zeigen. Werden Schmerzreize (in den Studien mit Hitze über bestimmte Applikatoren) zugefügt, springt hier ein Mechanismus an, der die Aktivität in den zuvor übermäßig aktiven Hirnbereichen reduziert und auch eine Reduktion der gefühlten Schmerzintensität bewirkt.[1] [2] Dieser Regelkreislauf funktioniert so bei Menschen ohne Borderline-Diagnose nicht.

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Wozu brauchen wir Wut?

Die Wut gehört zu den Gefühlen, die wir meist nicht  sogern an uns sehen. Sie scheint nicht in das Bild zu passen, das wir von uns haben als zivilisierte Bürger, als zuverlässiger Arbeitnehmer, als gute Ehefrau, liebender Vater,… Noch heute wachsen viele Menschen mit der Botschaft auf, dass man nicht wütend zu sein hat, denn dann passiert automatisch etwas Schlimmes. Schließlich geht immer etwas kaputt, wenn man wütend ist.
In diesen wenigen Sätzen stecken eine ganze Reihe an Missverständnissen und falschen Voraussetzungen. Habt ihr sie gefunden?

Ausschlaggebend dafür ist meines Erachtens die falsche (!) grundsätzliche Auffassung, dass Wut destruktiv ist. Mit Wut zerstören wir nicht grundsätzlich etwas. In ihrer Grundform als Gefühl ist Wut erst einmal Energie. In der Wut könnten wir Bäume ausreißen, eine Kraft wird frei, mit der wir oft nicht umzugehen wissen. Und dann geschieht es oft, dass diese Kraft in die falschen Kanäle gelenkt wird und dann eben doch destruktiv genutzt wird. Beispiele dafür finden wir jeden Tag in den Nachrichten. Falsch kanalisierte Wut führt zu destruktiven Verhaltensweisen, aber die Wut an sich ist nicht destruktiv.

Dass man Wut konstruktiv nutzen kann und auch dafür gedacht ist, ist für viele meiner Patienten eine ganz neue Erkenntnis. Wut ist sogar ein sehr wichtiges Gefühl – sie zeigt mir nämlich, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Zum Beispiel dann, wenn ein für mich wichtiger Wert in Gefahr ist. Oft sind das Grenzüberschreitungen in irgendeiner Form: Ein aufdringlicher Nachbar, der beim Paketabgeben ungefragt in die Wohnung kommen will, ein Unbekannter, der eine mir wichtige Person beleidigt oder ein Ehestreit, in dem sich die Partner in ihren Bedürfnissen nicht mehr gesehen oder ernst genommen fühlen. Diese Beispiele haben etwas gemeinsam: Man kann die Energie der Wut konstruktiv nutzen: Um den Nachbarn mit einem bestimmten Ton der Wohnung zu verweisen, die Beleidigungen durch den Unbekannten zu unterbinden oder klar Position zu seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen gegenüber seinem Partner zu beziehen. Ohne die Energie, die uns durch die Wut und das Adrenalin zugeführt wird, könnten wir uns an diesen Stellen nicht abgrenzen. Und diese Abgrenzung kann (und soll!) ohne den Einsatz von Gewalt geschehen!

Schauen wir uns die Dame oben im Bild an, wird eins klar: Wir sollten ihr nicht zu nahe kommen – die hat Power und wird ihre Position verteidigen. Weinend könnte sie diese Botschaft nicht transportieren.
Und dann mogeln sich da noch unsere Rollenklischees unter, wie ich sie schon im letzen Beitrag ausgeführt habe: Als Dame schickt es sich nicht, wütend zu sein.

In unserer Gesellschaft wird Wut leider automatisch und unreflektiert mit „Gewalt“ gleichgesetzt, wodurch ihr ein negatives Image anhaftet, das ihr eigentlich gar nicht zusteht…

(Bildquelle: https://pixabay.com/de/zorn-w%C3%BCtend-schlecht-isoliert-18615/)