[Ich hab da mal ne Frage…] „Wie hältst du’s mit der Transparenz?“

Und los geht das neue Projekt „Ich hab da mal ne Frage“ mit der ersten Frage von Seelen Splitter:

„Wie hältst du es mit der Transparenz. Also findest du es wichtig für den Klienten transparent (natürlich angemessen) zu sein oder findest du Distanz besser.?“

Eine ganz wunderbare Frage! 🙂 Und eine ganz zentrale, da sich daran ja auch verschiedene Therapie-Schulen unterscheiden. Ich überzeichne mal ein bisschen, damit es deutlich wird: derzeit lese ich den Panama-Hut von Yalom, der ja ein fantastisches Beispiel für einen Therapeuten ist, der mit großer (persönlicher) Transparenz arbeitet. Im Gegensatz dazu steht die ganz klassische, konservative Psychoanalyse (auch hier gibt es verschiedene Strömungen), in der der Therapeut noch immer eher die Funktion einer möglichst „weißen Wand“ / leeren Projektionsfläche haben und möglichst nur durch fachliche Äußerungen in Erscheinung treten soll. Die Idee dahinter ist, eine gute Grundlage für eine Übertragungsbeziehung zu schaffen, in der sich die inneren Konflikte des Patienten gut entfalten und dann eben auch bearbeiten lassen. Die Vorgehensweise leuchtet mir ein, aber sie sagt mir persönlich nicht zu. Ich erinnere mich an einen potenziellen Lehranalytiker,

den ich zu einem Erstgespräch besuchte und den ich am Ende des Gesprächs fragte, ob er eigentlich mit dem christlichen Glauben noch etwas am Hut habe (er war vom Grundberuf Theologe). Seine Antwort (in etwa): „Sie sehen ja diese Bücherwand da hinten… da stehen auch theologische Fachbücher… ab und an nehme ich eins aus dem Schrank und lese darin“. Fand ich völlig unbefriedigend. Totales Nebelwerfen.

Selbstoffenbarung ist Begegnung

Ich finde es von einem Patienten sehr viel verlangt, sich mir mit seinem Innersten zu offenbaren, während ich mich völlig „verstecken“ kann – so kann man es nämlich auch betrachten. (Freud „erfand“ das hinter-der-Couch-Sitzen übrigens deswegen, weil er sich nicht gerne von seinen Patienten anschauen ließ)
Mir ist es wichtig, auch als Mensch mit Macken gesehen zu werden und habe daher auch kein Problem, einen Fehler zuzugeben. Natürlich bin ich in gewisser Weise eine Person, zu der Patienten „aufschauen“ und vielleicht auch Dinge „abschauen“. Und da kann ich doch Vorbild sein, indem ich auch mal – wenn es passt – ein Beispiel aus meinem eigenen Leben erzähle; indem ich zeige, dass wir Menschen eigentlich alle mit denselben Fragen unterwegs sind, vielleicht unterschiedlich weit und mit unterschiedlichen Lösungsansätzen, sicher auch mit ganz unterschiedlicher Herkunft und Prägung, aber schlussendlich sind wir doch allesamt „Seelen auf dem Weg“.

Und wie sehr freuen wir alle uns über ein Kompliment, einen Witz, über den man gemeinsam lachen kann oder eine ehrliche Wertschätzung. Wenn ich finde, dass meiner Patientin ihre neue Frisur steht, sage ich das. Oder wenn ich aufrichtige Achtung davor habe, was diese Person in ihrem Leben schon alles durchlebt und durchlitten hat und immer noch unterwegs ist. Ich glaube, genau in solchen Momenten passiert heilsame Begegnung. Und die möchte ich niemandem vorenthalten wegen irgendeines theoretischen Konzepts von Distanz und Projektionsfläche.

[Und in meiner Erfahrung kommt es so oder so zur Projektion oder (heftigen) Übertragung, auch wenn ich davor nicht die aalglatte Projektionsfläche geboten habe.]

Mein „Du“ zur Verfügung stellen

Von Martin Buber stammt ja das Zitat, dass der Mensch am Du zum Ich wird. Und Therapie ist für mich auch so eine Situation. Da ist das Ich des Patienten und das braucht (m)ein „Du“, an dem es sich entwickeln kann und das stelle ich auch zur Verfügung. In welchem Maß ich das tue, ist natürlich von vielen Faktoren abhängig und lässt sich nicht pauschal beantworten. Jemandem, der noch ganz wenig „Eigenes“ entwickelt hat, bin ich gegenüber sicher zurückhaltender als jemandem, bei dem es eher um „reife“ Konflikte geht. Genauso wie ich mich gegenüber jemandem, der Probleme mit der Nähe-Distanz-Regulierung hat, freilich anders verhalte als gegenüber jemandem, der das gut beherrscht.

Generell verstehe ich mich als (professionellen) Begleiter auf einem Lebensweg und Suchprozess, der gerade sehr steinig geworden ist. Und wenn es auf der einen Seite steinig und hart ist, braucht es doch einen weichen und menschlichen Ausgleich?

Hast du auch eine Frage? Stelle sie gern in den Kommentaren oder schreibe mir eine Mail – ich verspreche, zu jeder Frage einen Antwort-Beitrag zu verfassen. 🙂


Mitreden? Gerne!
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7 Gedanken zu “[Ich hab da mal ne Frage…] „Wie hältst du’s mit der Transparenz?“

  1. „Mein DU für heilsame Begegnungen zur Verfügung stellen.“ Das klingt sehr schön! Ich finde es auch immer hilfreich, wenn die Therapeutin etwas von sich preisgibt. Das zeigt, dass sie menschlich ist und nimmt Angst. Ich meine, niemand möchte sich gerne mit einer weißen Projektionsfläche unterhalten! Wir sind für Beziehung geschaffen und wir brauchen sie, um heil zu werden! Schön, dass du dein DU für andere zur Verfügung stellst!

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  2. Pingback: [Ich hab da mal ne Frage] … Wie schaffst du es, die Balance zu finden zwischen Herausfordern und Akzeptieren? (1) – Psycho-Psyche-Therapie

  3. Danke für diesen Beitrag. Das sage ich aus vollem Herzen,zeigt es doch das es doch auch Menschen gibt,die Therapeuten sind und nicht nur ….. wie sagtest du noch….. leere Projektionsflächen.
    Denn ich persönlich komme besser damit klar, wenn mein Gegenüber (Therapeut) auch Fehler und Schwächen hat.

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  4. Pingback: [Ich hab da mal ne Frage] Wie schaffst du es, die Balance zu finden zwischen Herausfordern und Akzeptieren? (2) – Psycho-Psyche-Therapie

  5. Ich hab da auch mal ne Frage, weiß aber nicht, ob die sich so beantworten lässt… Sie ist auch etwas schwierig zu formulieren, ehrlich gesagt.
    Nehmen wir an, es hat jemand eine mehrjährige, sehr intensive und auch sehr gute Analyse gemacht, aus der er – an sich – stabilisiert und gestärkt hervorgeht, sogar einige Zukunftspläne schmiedet, sich als der „neue“ Mensch, der aus der Analyse hervorgeht, passendere Umstände in seinem Leben schaffen will. Wie gehst du damit um, wenn dieser Jemand in dem unmittelbar auf die letzte Stunde folgenden Danach psychisch komplett dekompensiert und angesichts des frisch erlittenen Verlusts direkt in die eigentlich korrigiert geglaubten alten Muster abstürzt und da nicht mehr allein hinauszufinden scheint?

    Wie kann man da im Vorfeld „vorbauen“? Oder geht das überhaupt? Und mich würde interessieren, ob du dergleichen vielleicht im Rahmen deiner Ausbildung selbst in vergleichbarer Form erlebt hast und wie man als (angehender) Therapeut damit umgeht. Ob man das in Eigenerfahrung vielleicht irgendwie erahnen kann. Und wie man dann als Therapeut damit umgeht, wenn der soeben entlassene neue Mensch nur wenig später in Verzweiflung aufgelöst wieder auf der Matte steht.

    Gibt es wohl eine Antwort auf eine solche eher komplexe Frage? … Danke auf jeden Fall!

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