Der mächtige Krieger – Gewalt in Videospielen

... oder: warum Egoshooter aus Menschen keine Killer machen

Nach einem Amoklauf stellt sich meistens heraus, dass der Amokläufer sogenannte Ego-Shooter gespielt hat. Dabei handelt es sich um ein spezielles Genre, in der man aus der Ego-Perspektive heraus eine Spielfigur steuert und meist in einem Kriegs-Setting gemeinsam mit anderen Spielern Gegner ausschalten muss. Medial wird dann häufig kommuniziert: Die Egoshooter haben aus dem Menschen einen Killer gemacht!

Zuallerst: Hier begegnen wir einem ganz häufig auftretenden Fehler: Korrelation wird mit Kausalität verwechselt. Bei einer Korrelation treten zwei Dinge zusammen auf – der Mensch läuft Amok und hat Egoshooter gespielt; bei einer Kausalität besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen zwei Dingen – der Mensch ist durch die Egoshooter zum Amokläufer geworden. Eine Kausalität muss aber wissenschaftlich untersucht werden und ist eben nicht durch die reine Korrelation gegeben.

Schauen wir uns also die Studienlage an:

Tatsächlich gibt es inzwischen hunderte Studien unterschiedlichster Qualität und Umsetzung zu diesem Thema und ein paar wenige Meta-Analysen (die die Ergebnisse der „normalen“ Studien „zusammenrechnen“). Diese Meta-Analysen finden teilweise auch tatsächlich eine kausale Beeinflussung von Verhalten, Stimmung und Aggressivität [1], allerdings sprechen wir hier von sehr kleinen Effektstärken im Bereich von .03. Wie die Autoren der Metaanalyse aber auch richtig anmerken, decken sich die Ergebnisse mit den Theorien zur Aggression im Speziellen und dem Verhalten im Allgemeinen. [Natürlich haben meine Tätigkeiten- und seien sie nur virtuell – schon allein durch das, was ich am Bildschirm sehe, eine Auswirkung auf mein Denken, Fühlen und evtl. auch Handeln. Allerdings müssen wir natürlich die Frage stellen, wie lange solche Effekte anhalten und ob sie dazu führen, dass ich mein Gegenüber mal genervt anraunze oder ob ich mein Gegenüber gleich „absteche“.]

Allerdings zeigte sich in der Metaanalyse auch, dass prosoziale Handlungen in Spielen umgekehrt einen positiven Einfluss auf Verhalten, Stimmung und Aggressivität haben. Ebenso verhält es sich, wenn im kooperativen Modus, also per Internet mit anderen Spielern, gespielt wird. Da Gewaltdarstellungen in Spielen – im Gegensatz zu den Bedingungen in einer Studie – nicht isoliert auftreten, sondern für gewöhnlich in einem meist prosozialen Kontext stehen (Gegner töten, um ein höheres Ziel zu erreichen, z.B. Rettung der Welt, einer bestimmten Person, …), muss bei dem Versuch, die Studienergebnisse auf „echte Spiele“ zu übertragen, Vorsicht walten.

Noch eine persönliche Bemerkung: In meiner Arbeit mit Viel-(Egoshooter-)Spielern bin ich noch keinem begegnet, bei dem ich einen „Blutdurst“ erlebt hätte. Auch bei Gesprächen mit Jugendlichen im Rahmen der Suchprävention mache ich immer wieder diese Erfahrung. Und ja, es gibt bei einigen Spielen extra Tötungsanimationen zum Herunterladen, die besonders blutrünstig und grausam sind und offenbar gibt es Menschen, die sich diese Animationen auch gerne herunterladen. Dies ist allerdings nach meiner Erfahrung nicht auf das Gros der Spieler zu übertragen. Das Töten von anderen Spielfiguren stellt in erster Linie einen einfachen Mechanismus dar, zwischen Gewinnern und Verlierern in einem Spiel zu unterscheiden.

… so. In der Hoffnung, einen kleinen Beitrag zur Aufklärung geleistet zu haben!

Wie geht es euch mit diesem Thema? Seht ihr Egoshooter grundsätzlich kritisch? Oder spielt ihr selbst?

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Literatur:
[1] Greitemeyer, T. & Mügge, D. O. (2014). Video Games Do Affect Social Outcomes: A Meta-Analytic Review of the Effects of Violent and Prosocial Video Game Play. Personality and Social Psychology Bulletin, 40, 578-589. doi:10.1177/0146167213520459

5 Gedanken zu “Der mächtige Krieger – Gewalt in Videospielen

  1. Silke Loers

    Kinder müssen sich beim Spielen austoben und da sie das immer weniger in der Natur machen (können), machen sie es am Computer. Hier können, gerade Jungs, wild rumballern und sich ausprobieren. Wenn sie zudem in einem sehr gesunden Umfeld aufwachsen, ist alles fein. Das Problem besteht doch nur, wenn es im Umfeld Probleme gibt und da sind dann auch die Games nicht der Auslöser. Also lasst die Kinder spielen…

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Silke,

      das sind wahre Worte! Ich finde es persönlich ganz wichtig, dass Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben (und auch nutzen), sich in der „freien Wildbahn“ auszupowern – den Bezug zur Natur und zum eigenen Körper nicht zu verlieren.
      Und wenn das gegeben ist – zusammen mit einem gesunden Umfeld – ist gegen das Spielen menes Erachtens nichts einzuwenden… 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Es kommt wie gesagt nur darauf an, WER diese Shooterspiele WO spielt und vor allem in welchem Alter!!!
    Ich möchte da auf eine wichtige Erfahrung zurückgreifen, die mich sehr bewegt hat. Es geht dabei um den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik. Und der hat das Schießen in einem solchen Spiel an der gleichen automatische Waffe (!!) exzessiv geübt, die er auch bei seinem Überfall auf die Ferieninsel benutzt hat. Ich habe darüber berichtet und fand dazu keine Beachtung. So ähnlich wie hier…
    Das hat mich gegen jede Art von Gewaltspielen aufgebracht, die ich auch heute noch in meinem Umfeld grundsätzlich ablehne. Und das versuche ich diesen Spielern auch zu erklären bzw. begründen.
    Jürgen aus Loy (PJP)

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    1. Lieber Jürgen,

      danke für deinen Beitrag! Du hast natürlich vollkommen Recht, dass das „Wer“ und „in welchem Alter“ wichtige Fragen sind. Egoshooter sind nicht umsonst erst ab 18 Jahren freigegeben. Dass das für einen Achtjährigen noch nichts ist, ist völlig klar. Dass diese Spiele auch für psychisch labile Menschen, wie es Anders Breivik war, gefährlich sein können, ist ebenfalls klar.
      Mir geht es in diesem Beitrag darum, die Kausalität klar zu machen. Wer Egoshooter spielt, wird nicht automatisch zum Amokläufer, wird nicht automatisch psychisch krank. Und wer psychisch erkrankt ist, wird umgekehrt auch nicht automatisch zum Amokläufer, nur weil er Egoshooter spielt. Sonst müsste mindestens die Hälfte meiner Patienten zu Amokläufern werden und die Gefahr sehe ich bei keinem einzigen.

      Soweit mal! 🙂

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