Trost – ein Therapeutikum für die Seele

Ich bin untröstlich!“, schluchzt die Dame mittleren Alters, die vor Kurzem überraschend Witwe geworden ist. Mit einem Taschentuch trocknet sie die Tränen, die ihr über die Wangen laufen. „Wie soll das denn jetzt nur weitergehen?“. Zur Beisetzung sind viele Menschen gekommen. Ein paar wenige gute Freundinnen hat sie, allerdings wissen diese auch nicht recht, wie sie helfen können. „Und eine hat gesagt, es würde bestimmt bald wieder gut werden und wollte mir Tipps geben, was ich jetzt tun soll! Ich will das überhaupt nicht! DIE KÖNNEN MIR GESTOHLEN BLEIBEN MIT IHREM TROST!!“, brüllt sie nun in größter Wut und Erschütterung.

Solche Gespräche kann man erleben, wenn man therapeutisch arbeitet, aber auch im ganz privaten Umfeld. Was tut man in solch einer Situation? Jemanden trösten, bei dem sich zur Trauer auch noch Wut mischt, scheint doppelt schwer.

Dies war eins meiner Motive, eine Blogparade zum Thema aufzurufen. Wie wunderbar, dass schon so viele tolle Beiträge eingegangen sind! Typisch für mich, kommt meiner ziemlich auf den letzten Drücker. 😀 (Für meine Verhältnisse bin ich sogar früh dran! – schließlich schreibe ich solche Beiträge ja nicht erst am Tag der Veröffentlichung..) An der Blogparade könnt ihr noch bis zum 15. April teilnehmen – auch kurze Beiträge sind wertvoll!

Trost in unserer Sprache

Ich habe ein bisschen assoziiert und recherchiert, wo uns der Trost in unserer Sprache begegnet:

Trostpreis – Trostpflaster – „Bist du noch ganz bei Trost?“ – Augentrost (Pflanze) – getrost – billiger Trost – trostlos

Besonders hängen geblieben bin ich am Wort „trostlos“. Mit „trostlos“ assoziiere ich kahl, grau, unbelebt, hoffnungslos… Vor meinem inneren Auge entsteht eine felsige, graue Einöde ohne Sonnenschein und ohne jegliches Leben. Was wäre denn umgekehrt eine trost-volle Umgebung? Da denke ich an Licht, Wärme, Farben und Leben.

Und wie bringe ich Licht, Wärme, Farben und Leben mit der wütend-verzweifelten Frau von oben zusammen?

Vielleicht gibt es tatsächlich Zeiten, die trostlos scheinen und trostlos sind. In denen Licht, Wärme, Farben und Leben abprallen an der Glocke der Traurigkeit, die einen umgibt. Und manchmal geschieht es, dass man die Wut in der Trauer an die falsche Adresse schickt und Menschen, die uns eigentlich beistehen wollen, abweisen. Dann erhalten wir unsere eigene Glocke ungewollt aufrecht.
Aber zum Glück gibt es Menschen, die dann einfach außerhalb der Glocke warten. Die Licht und Wärme ausstrahlen, einfach durch ihre Gegenwart. Und irgendwann gelingt es vielleicht, dass ein klein wenig dieses Lichtes durch die Glocke kommt; sich einen Weg bahnt zum Trauernden und nach und nach ein Kanal entsteht, durch den das Leben kommt.

Ich selbst habe in großem Schmerz tiefen Trost in der Anwesenheit einer mir nahestehenden Person gefunden, die einfach einen Arm um meine Schulter legte und „da“ war. Von dieser Erfahrung zehre ich bis heute; sie ist für mich zu einem inneren Fundament geworden, auf das ich zurückgreifen kann, wenn ich mich alleine und „untröstlich“ fühle. In solchen Momenten spüre ich eine innere Verbundenheit zu dieser Person, obwohl sie nicht anwesend ist. Auch auf spiritueller Ebene habe ich Erfahrungen von Gehaltensein erlebt, die ich bis heute wie einen kostbaren Schatz in mir trage.

Gemeinsam die Hilflosigkeit aushalten – der Wut Raum geben

Trost spenden ist manchmal gar nicht so leicht. Was die Frau im obigen Beispiel berichtet hat, klingt für mich eher nach einer Ver-Tröstung anstatt nach echtem Trost. Manchmal geht es einfach darum, gemeinsam die schlimme Situation, die Hoffnungs- und Hilflosigkeit auszuhalten und nicht zu versuchen, mit Gewalt etwas in Bewegung zu setzen, was im Moment gerade stillzustehen scheint. Bei Trauer und Traurigkeit steht die Welt nun einmal still und das darf sie ja auch. Einer der quälendsten Aspekte an Trauer und Traurigkeit ist das Gefühl, ihr völlig ausgeliefert zu sein. Nichts tun zu können, dass es besser wird; einfach nur aushalten zu müssen. Andererseits kann auch genau das zu einer heilsamen Erfahrung werden: ich brauche gar nichts zu tun. Ich kann – gemeinsam mit Menschen an meiner Seite – durch diese Erfahrung hindurch gehen, im besten Fall hindurch getragen werden; vielleicht auch auf einer spirituellen Ebene. Ich komme mal raus aus dem „ich kann und muss dafür sorgen, dass sich etwas verändert“.
Und manchmal kann es tröstend sein, der Wut Raum zu geben, die meistens mit Traurigkeit oder Trauer einher geht, die wir uns aber oft gar nicht zugestehen oder (noch) gar nicht wahrnehmen. Im Fall eines Todes kann das auch die Wut auf den Verstorbenen sein. Rational hat man ja vielleicht gut im Blick, dass der Verstorbene natürlich nichts „dafür kann“, aber doch gibt es meist Anteile in uns, die sich im Stich gelassen fühlen und die einfach wütend sind!
Und man kann ja auch einfach so wütend sein; auf die Situation, auf das Schicksal, auf eine höhere Macht. Und diese Wut darf da sein! Hier ist es gut, sich nicht in sogenannte Ersatzgefühle zu flüchten, sondern die Wut zuzulassen. Und manchmal geht es einem schon ein klein wenig besser, wenn sie ihren Raum haben darf. Auch das kann Trost sein.

Ein Weg aus der Ohnmacht

Ein letzter kleiner Gedanke zum Abschluss, der mir beim Blick auf meinen Balkon kam: mir selbst tut es unheimlich gut, etwas mit Pflanzen zu tun. Ich kann säen, ich kann einpflanzen und ich kann gießen. Durch die Arbeit meiner Hände entsteht etwas; kann aus einem trostlosen Ort ein lebendiger, trostvoller Ort werden, an dem ich in Kontakt komme mit Licht, Wärme, Farben und Leben. Und die Natur lehrt mich immer wieder eine wichtige Sache, die auch für den Trost gilt: ich kann nichts beschleunigen. Ich kann gute Bedingungen schaffen, aber nichts wächst schneller, weil ich daran ziehe. Ich darf (!) einfach zusehen, abwarten, und sehen, wie etwas Neues entsteht. Langsam, aber stetig. Und vielleicht anders und schöner, als ich erwartet habe. Wenn das nicht tröstend ist.

Blogparade Trost - Glockenblume - Trauer

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Glockenblumen- Foto: Privat

Titelbild: (c) Mightyhansa, Water droplet on a leaf, Kontrast, Ausschnitt, Hinzufügen von Text von Jeca (Psycho-Psyche-Therapie-Blog), kreiert mit canva (www.canva.com), Lizenz: CC BY-SA 3.0

5 Gedanken zu “Trost – ein Therapeutikum für die Seele

  1. Trost erinnert mich in erster Linie an Kind. Auch benehmen sich Schutz, – oder Trost bedürftige oft wie kleine Kinder. Ihnen ist etwas abhanden gekommen und sie werden alleine nicht damit fertig. Sie schlagen wie beleidigte Kinder um sich oder greifen nach jedem Strohhalm. Aber der Erwachsene in ihnen lehnt das alles ab. Er spürt das Kind in sich und kann oder will sich nicht mit ihm identifizieren. Er muss zuerst diese Hürde in sich überwinden, bevor er bereit ist auf Trost einzugehen. Aus diesem Grund ist wohl entscheidend, wie Kind Trost und Schutz in der Kindheit erfahren hat. Ich nehme an, das es Frauen daher leichter fällt, Trost anzunehmen und Männern Trost zu spenden.

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  2. Gefühlen Raum zu geben, sie auszuhalten, sie einfach zu betrachten und irgendwann ziehen zu lassen, wenn sie befinden, dass es an der Zeit ist. Schwer zu lernen im Erwachsenenalter. Schwer, aber so verdammt wichtig.
    Problematisch wird es erst dann, denke ich, wenn jemand in diesen Gefühlen stehen bleibt und gar nicht mehr weitergeht. Wenn diese Gefühle jemanden festhalten und am Leben und Fühlen anderer Dinge hindern. Dann muss ein Weg gefunden werden, diese Gefühle loszulassen, um weitergehen zu können.

    Es ist eine Wohltat, diesen Beitrag zu lesen.

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    1. Vielen Dank für deinen schönen Beitrag! Ja, genau, wenn jemand ganz in den Gefühlen stecken bleibt, spricht man auch von pathologischer Trauer (wenn es um einen Todesfall geht). Ich finde es nur immer schwierig, diesen Punkt so festzulegen. Ab wann steckt man denn wirklich fest? Wir leben ja in einer Gesellschaft, in der erwartet wird, dass man am besten nach einer Woche wieder voll einsatzfähig ist…

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      1. Meiner Ansicht nach spielt es keine Rolle, wie lange die Verarbeitung dauert – solange sie nur stattfindet.
        Aber gerade die von Ihnen erwähnten gesellschaftlichen und beruflichen Erwartungen, schnellstmöglich wieder „funktionstüchtig“ und „einsatzfähig“ zu sein, schnellstmöglich über Sachen „hinwegzukommen“, sorgen eher für das Gegenteil – es wird eben nicht verarbeitet, die Leute gestehen sich keine Zeit dafür zu und geben den Gefühlen keinen angemessenen Raum. Dann stecken sie fest.

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