Aus der Praxis 3 – Setz‘ dich! – Entscheidungsfindung mal anders

In der Rubrik „Aus der Praxis“ möchte ich euch ermöglichen, mir über die Schulter zu schauen und Einblicke zu bekommen, wie ich konkret arbeite und welche Hilfsmittel ich dafür nutze. Fallbeispiele sind aus Datenschutzgründen selbstverständlich stark verfremdet.

Wer kennt es nicht – eine Entscheidung zwischen zwei oder mehr Dingen ist zu treffen! Man hat womöglich akribisch eine Pro- und Contra-Liste erstellt, sich das Hirn zermartert, aber irgendwie kommt man der Entscheidung doch nicht näher. Na? Wem kommt das bekannt vor?

Wie ihr vielleicht wisst, arbeite ich unter Anderem in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme. Dort habe ich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun, die vor der großen Entscheidung stehen, welchen Beruf sie später einmal ausüben möchten. Häufig kommt es dann vor, dass ich mit dieser Fragestellung aufgesucht werde.


Fallbeispiel: Micha

Micha ist 18 Jahre alt und ein sozialer Typ. „Was mit Menschen“ möchte er gerne machen und hat sich nach diversen Praktika am wohlsten in einem Kindergarten und in einem Altenpflegeheim gefühlt. Er hat sich bereits gut informiert und Listen angefertigt: Beide Berufe haben Vor- und Nachteile bezüglich der Berufsschule, der Entlohnung, der Arbeitszeiten und vielem mehr und halten sich über alles gemittelt die Waage.

„Ich eier‘ da schon länger rum“, sagt er, „und irgendwie blockiert mich das total. Ich weiß nicht weiter. Haben Sie eine Idee?“

Ja, hab ich. 🙂

Ich schlage ihm Folgendes vor:

Ich: Haben Sie Lust, mal etwas Ungewöhnliches auszuprobieren? (Mit dieser Frage will ich ihn neugierig machen)
Micha: Hm, kommt drauf an. 
Ich: Alles klar, ich schlag es mal vor und Sie entscheiden dann, okay? (Durch das nochmalige Nachfragen fokussiere ich ihn weiter auf die folgende Arbeit und zudem verdeutliche ich seine Entscheidungsfreiheit)
Micha: Jo.
Ich: Stellen Sie sich mal vor, etwas ganz Verrücktes würde hier drin passieren. Wir sitzen hier und reden und plötzlich werden zwei Michas aus der Zukunft hereingebeamt. Der eine Micha hat sich entschieden, die Kindergärtner-Ausbildung zu machen und der andere Micha hat sich entschieden, die Altenpflege-Ausbildung zu machen. Beide sind grade in den ersten Wochen der Ausbildung und wollen ein bisschen erzählen, wie es ihnen gefällt.
Micha: Cool!
Ich: Wären Sie bereit, mal in diese beiden Michas reinzuschlüpfen und ich stelle den beiden ein paar Fragen?
Micha: Machen wir!

Ich bitte Micha, zwei Stühle im Raum aufzustellen und erkläre, dass er gleich auf diesen als jeweils ein „Zukunfts-Micha“ sitzen wird. Ich kläre mit ihm ab, welche Rolle er als erstes einnehmen möchte und bitte ihn, während er auf dem jeweiligen Stuhl sitzt, ganz genau in sich hinein zu spüren, wie sich die jeweilige Rolle anfühlt. Dann lade ich Micha ein, auf dem ersten Stuhl Platz zu nehmen.

Das Interview

Ich: Okay, Micha, schön, dass Sie da sind! Sie haben ja grade Ihre Kindergärtner-Ausbildung angefangen. Wie sieht Ihr Alltag denn grade aus?
Micha: (…)
Ich: Was gefällt Ihnen denn am besten? (Und was am wenigsten?)
Micha: (…)
… nach und nach arbeite ich dann die mir bekannten Punkte aus der Pro- und Contra-Liste ab. Zum Schluss:
Ich: Das klingt ja sehr interessant, Micha! Und wenn Sie jetzt so in sich reinspüren, wie fühlt sich das an? (…) Sind Sie zufrieden mit Ihrer Entscheidung?

Im Anschluss „ent-rolle“ ich Micha. Je nachdem, wie gut er das kann, lasse ich ihn danach gleich auf dem anderen Stuhl Platz nehmen und wiederhole das Interview mit der anderen Entscheidung.

Hat er auch das zweite Interview gemeistert, bitte ich ihn, sich wieder auf seinen ursprünglichen Platz zu setzen. Dann frage ich ihn, wie er sich auf diesen beiden Stühlen gefühlt hat.

Das Gespräch danach

Bei Micha war nach diesen Interviews klar, dass er sich auf dem Kindergärtner-Stuhl wohler gefühlt hat. Auch ich hatte aus der Art, wie er erzählt hat, dem Funkeln in seinen Augen und seiner ganzen Gestik den Eindruck gewonnen, dass er sich mit dieser Entscheidung wohler fühlt.

Nach weiterer Nachbesprechung der Arbeit bedankte er sich und verließ beschwingt mein Büro. 🙂

Den Gestalttherapie-Kennern unter euch wird sicher nicht entgangen sein, dass ich diese Technik der Zwei-Stuhl-Technik entlehnt habe. 🙂
An dieser Abwandlung gefällt mir das „magische“ Element so gut. Besuch aus der Zukunft – das klingt doch schon mal spannend und macht neugierig. Die Entscheidung ist schon getroffen, man ist schon ein paar Schritte gegangen! Was für eine Erleichterung! Dadurch kann man sich ganz anders in die Rolle hinein versetzen und es kommt eine gewisse Leichtigkeit auf.

Ich verwende auch noch Variationen dieser Technik, die sicher nach und nach auch ihren Platz hier bekommen werden. 🙂

Was haltet ihr von dieser Methode? Hättet ihr selbst Lust, so etwas auszuprobieren?

Weitere Beiträge aus der Rubrik:

Aus der Praxis 1 – Arbeit mit dem Systembrett
Aus der Praxis 2 – Wie deutet man Träume? 8 Schritte zum Ziel

Bildnachweis: Pixabay ; Lizenz: Pixabay-Lizenz

11 Gedanken zu “Aus der Praxis 3 – Setz‘ dich! – Entscheidungsfindung mal anders

  1. Das klingt ja superspannend! Ich würde das echt sehr gerne mal ausprobieren, weil ich im Moment große Schwierigkeiten habe mich für Dinge zu entscheiden, da ich absolut nicht einschätzen kann wie ich mich mit einer Entscheidung fühle. Ich habe das Gefühl, dass ich hier schon des Öfteren meine Gefühle übergangen bin. Allerdings kommt bei mir ja auch noch der große Aspekt der Angst dazu, die mir Entscheidungen für etwas außerhalb meiner Komfortzone schwierig macht. Erst jetzt habe ich einen Wochenendworkshop, für den ich mich angemeldet habe, nicht besucht, weil mich meine Ängste zurückgehalten haben. Hast du eine Idee wie ich trotz irrationaler Ängste die richtigen Entscheidungen für mich treffen kann? Ich weiß es ist schwierig solche allgemeinen Tipps zu geben, aber vielleicht hast du ja trotzdem eine Idee. 🙂

    Ganz liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Julia,

      so, ich hatte dir hier ja noch eine Antwort versprochen und sie kommt – wenn auch SEHR verspätet. Sorry dafür. Hatte den April etwas unterschätzt was den Arbeits- und sonstigen (zeitraubenden) Gehalt anging…
      Ja, Ängste machen einem da oft einen Strich durch die Rechnung. Da ist es auch viel schwieriger, auf das „echte“ Bauchgefühl zu hören, weil die Angst oft alles überlagert. :/
      Es ist in der Tat richtig schwierig, da einen Tipp zu geben – nicht nur allgemein, sondern auch speziell ;-). Ängste sind einfach eine schwierige Kiste, weil sie viele Ansätze torpedieren können. Aus transaktionsanalytischer Sicht würde ich sagen, dass es da in erster Linie mal darum geht, eine innere Instanz aufzubauen, die in der Lage ist, dem verängstigten inneren Kind Sicherheit zu geben und die auf die irrationalen Gedanken nicht „reinfällt“. Und wenn das erreicht ist (geht leider nicht von heute auf morgen 🙂 ), lassen sich Entscheidungen auch wieder rational(er) treffen. Ganz grundsätzlich kann es aber natürlich auch erstmal darum gehen, die einzelnen Ich-Zustände, wie wir das in der Transaktionsanalyse nennen, unterscheiden zu lernen und nach und nach die Fähigkeit zu erlangen, auch bewusst in einen erwachsenen Zustand (der sich eben nicht von irrationalen Ängsten in die Irre führen lässt) zu wechseln. Natürlich sind das nur Modelle und klappt das nicht so 1a, wie es in der Theorie klingt, aber es kann doch zu einem hilfreichen Instrument werden…

      Liebe Grüße,
      Jessica

      Gefällt 1 Person

      1. Vielen Dank für deine Antwort, Jessica! In meiner Therapie wollen wir auch mit dem Inneren Kind arbeiten und ich halte das für einen sehr guten Weg für mich. Ich denke ich werde mich auch einmal etwas genauer in die Transaktionsanalyse einlesen, denn ich bin im Moment etwas auf der Suche nach zusätzlichem Verständnis meiner Situation und neben dem verhaltenstherapeutischen Ansatz, den ich als sehr hilfreich für mich empfinde, möchte ich wissen, was es sonst noch so alles gibt. Dein Blog ist ja hier schon eine super Quelle 😉

        Ganz liebe Grüße

        Liken

  2. Hallo Julia, hallo Jessica,
    zum Glück bin ich bereits i.UR. (im Unruhezustand) und freue mich, Julia hier zu treffen.
    Hätte derzeit auch viel zu erledigen, kann heute aber mal alles liegen lassen und `das Chaos genießen´, was vor mir liegt 🙂 …Bei Jessica ist das ganz anders.
    Ich sitze jetzt quasi zwischen zwei Stühlen. Auf dem einen sitzt Jessica, die viel zu schaffen hat, auf dem anderen Julia, die ihre Ängste `nicht im Griff hat´.
    Eine ideale Gelegenheit, die 2Stuhl-Methode mal durchzuspielen, da ich Julias Blog lange begleitet habe. Und Jessicas Stuhl kann und will ich hier nicht besetzen.
    Fazit: Eine Therapie kann nur wirklich etwas bringen, wenn sich zwei Menschen Auge in Auge`gegenüber´ sitzen.
    Vielleicht bietet sich ja mal die Gelegenheit zwischen euch.
    Ich finde es interessant, wie Jessica die 2Stuhl-Methode auf das Entscheidungsproblem `zugeschnitten´ hat. Toller Beitrag!!
    Ich nenne diesen Blog jetzt `Psychologie zum Anfassen´, weil jeder was draus lernen kann.
    Alles Gute und LG
    Jürgen aus Loy (PJP)

    Gefällt 2 Personen

      1. Hallo Jessica,
        Schachzug…auch ein nachdenkenswerter Begriff, was das psychotherapeutische Prozedere betrifft. Denn gerade das Schachspiel, was ich nie gelernt habe, erfordert viel Erfahrung. So ähnlich verhält es sich auch in der Psychotherapie.
        Die `Stuhmethode´ verwende ich übrigens in der Fotographie für Portrait-Aufnahmen mit einem einfachen Küchenstuhl, der auf ganz unterschiedliche Weise besetzt werden kann.
        Btw (by the way): Ich habe dir mal eine email geschrieben und würde mich freuen, zumindest eine Lesebestätigung zu erhalten. Es ging mir um Thomas Gordon, er heute leider schon in Vergessenheit geraten ist. Also, wenn du mal die Zeit findest, antworte mir kurz, weil mir sehr daran gelegen ist, meine Erfahrungen mit dir zu teilen. Und wenn dir das nicht gelegen ist, ist das für mich auch kein Problem. Ich will es nur wissen…
        Herzlichen Gruß zurück!!
        Jürgen aus Loy (PJP als Blogger)
        Meine private emailadresse ist: probeloy@gmail.com

        Gefällt 1 Person

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