Aus der Praxis 2: Wie deutet man Träume? – 8 Schritte zum Ziel

In der Rubrik „Aus der Praxis“ möchte ich euch ermöglichen, mir über die Schulter zu schauen und Einblicke zu bekommen, wie ich konkret arbeite und welche Hilfsmittel ich dafür nutze. Fallbeispiele sind aus Datenschutzgründen selbstverständlich stark verfremdet.

Ein gemütlicher Abend in einer ruhigen Bar; gemeinsam mit Freunden genieße ich ein leckeres Getränk. Ein Teelicht flackert langsam vor sich hin, die Eiswürfel klackern beim Umrühren im Glas und das Gespräch fällt auf das Thema „Träume“. „Sag mal, du als Psychologin, wie machst du das mit der Traumdeutung?“.

Erstmal vorweg: ein festes Ablaufschema gibt es nicht; jeder Traum ist anders, jeder Träumer ist anders, jedes (psychotherapeutische) Gespräch ist anders. Prinzipiell gehe ich allerdings so vor:

1) Ich frage den Träumer zuerst, was er selbst im Traum empfunden hat. Angst, Freude, Neugierde, Wut…? … und ob es sich im Verlauf des Traums verändert hat. Das gibt erste Hinweise auf die „emotionale“ Struktur des Traums, gegebenenfalls auf Wendepunkte oder Bruchstellen.

2) Danach erkundige ich mich gleich nach den eigenen Ideen / Assoziationen des Träumers. Damit stoße ich gelegentlich auf Verwirrung – „ich komme doch, damit SIE mir sagen, was das bedeutet!“. Die ersten spontanen Assoziationen zu einem Traum sind allerdings häufig eine wertvolle Spur, auch wenn sie im ersten Moment völlig abstrus anmuten.

3) Handelt es sich um einen sehr komplexen Traum, sammeln wir gemeinsam wichtige Traumsymbole und sehen uns anhand ihrer die Struktur des Traums an. Wird eine Geschichte erzählt, in der etwas geschieht? Träume sind oft ähnlich wie klassische Theaterstücke aufgebaut: sie beginnen mit einer Exposition, in der Personen, Situation, Ort etc. eingeführt werden, gefolgt von einer steigenden Handlung, die zum Klimax zu läuft, in der es zu einer entscheidenden Wendung kommt. Danach fällt die Handlung wieder ab und endet (unter Umständen) mit einer Lösung.

4) Die Lösung taucht im Traum allerdings häufig nicht auf. Daher frage ich, ob der anschließende Traum ebenfalls erinnert wurde. Bisweilen kommt es vor, dass sich die Lösung im nächsten Traum ankündigt, auch wenn dieser auf den ersten Blick völlig losgelöst vom vorigen Traum zu sein scheint.

5) Wichtig ist selbstverständlich die Frage nach dem Lebenskontext: Was beschäftigt den Träumer im realen Leben? (Sowohl innerlich als auch äußerlich) Träume können sowohl Bezug auf eine aktuelle Situation, als auch auf eine frühere Situation/Konstellation nehmen.

6) Während mein Gegenüber erzählt, mache ich mir Notizen zum Traum und schreibe spontan bei mir auftauchende Gedanken, Ideen und Gefühle (siehe Punkt 7) auf. Nach dem Erzählen sehe ich nochmal auf meine Notizen: gibt es Teile des Traums, die ich ohne die Notizen schon wieder vergessen hätte? Bei welchen Teilen spüre ich Energie, welche scheinen mir eher bedeutungslos und warum? (Es kann sich dabei um Abschnitte, aber auch um einzelne Figuren, Handlungen o.Ä. handeln)

7) Bei der Erzählung des Traums habe ich meine „Fühler“ auch immer bei mir selbst: Was löst das Erzählte in mir aus? Häufig stimmen meine Gefühle mit denen des Träumers überein, manchmal gehen sie aber auch weit auseinander. So erinnere ich mich an eine Klientin, die von einem Feuer im Traum berichtete und große Sorge hatte, ob dies ein Verbrennen, ein Zunichtemachen ihres Lebens bedeuten könne. Ich hingegen war hoch erfreut über die Schilderung des Traums.
Wie kommt das zustande?

An dieser Stelle ist ein fundiertes Verständnis von Symbolik entscheidend. Feuer kann im Traum als destruktives Element auftauchen; häufig tritt es allerdings als Wandlungssymbol in Erscheinung und kündigt damit eine bevorstehende (innere) Veränderung an.

8) Entscheidend ist im gesamten Prozess der Dialog. Ich frage viel nach und erkundige mich, ob meine Ideen zur Deutung beim Gegenüber „ankommen“ und was sie auf Gefühls- oder Gedankenebene auslösen. Ich kann schließlich auch mal völlig danebenliegen mit meinen Ideen; Symbolik ist höchst vielfältig und Deutungen können nur dann korrekt sein, wenn sie eine Resonanz im Gegenüber auslösen. Nach dieser bin ich auf der Suche.

Besonders spannend und beglückend finde ich die Arbeit mit Träumen im Rahmen einer Träume-Gesprächsgruppe. Ich freue mich sehr, derzeit eine solche Gruppe leiten zu können. Über die Besonderheiten dort werde ich ein anderes Mal berichten… – genauso wie über die subjekt- und objektstufige Deutung von Träumen…


Fazit: Nachdem ein Traum zuerst in seiner Struktur und seiner emotionalen „Ladung“ geklärt ist, geht es um die gemeinsame Deutung der auftauchenden Symbole. Wichtig ist an dieser Stelle, dass beim Träumer eine Resonanz entsteht. Auf diese Weise taste ich mich dann gemeinsam mit dem Klienten/der Klientin vor. Für mich ist jede Traumdeutung aufs Neue eine spannende Schatzsuche. Und gelegentlich bleibt der Schatz auch noch eine Weile verborgen; manche Träume können erst im Rückblick verstanden werden…

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Bild: (c) DonPolo14, Break Water Loops 1, Anpassung von Kontrast und Sättigung von Jeca (Psycho-Psyche-Therapie), Lizenz: CC BY-SA 4.0

5 Gedanken zu “Aus der Praxis 2: Wie deutet man Träume? – 8 Schritte zum Ziel

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  5. Es ist schon eine Ewigkeit her, dass ich mich mit Traumdeutung befasst habe, außer mit meinen eigenen. Zufällig der von heute Nacht hat mich ziemlich erwischt – eine Herausforderung, weil sich heute morgen etwas besonderes verändert hat…
    Nach diesem 2. Bericht aus der Praxis, den ich jetzt lese, möchte ich wieder meinen Senf dazugeben:
    Nicht alle Träume haben eine Bedeutung. Sie können auch auf somatische Störungen im weitesten Sinne hindeuten, was ja auch nach Jung und Adler im Gegensatz zu Freud unbestreitbar ist. Ernährung, Alkohol etc.pp spielen zudem oft eine Rolle als Auslöser von Träumen, sowie auch äußere Reize, wie zB Geräusche, Kälte etc.pp…
    Die Liste der Traumsymbole ist ein Labyrinth, das ich jetzt mal ausschließen möchte.
    Schlussendlich: In deinem Artikle hast du für mich schlichtweg alle wesentlichen Kriterien eines guten Therapeuten aufgeführt. Ein Lehrstück für alle Therapeuten und solche, die es werden wollen!!!
    Fazit: So muss Traumdeutung 🙂 🙂
    HG
    Jürgen aus Loy (PJP)

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