Aus der Praxis 1 – Arbeit mit dem Systembrett

Heute möchte ich eine ganz neue Rubrik eröffnen: „Aus der Praxis“. In diesen Beiträgen möchte ich euch ermöglichen, mir über die Schulter zu schauen und Einblicke zu bekommen, wie ich konkret arbeite und welche Hilfsmittel ich dafür nutze. Die Fallbeispiele sind aus Datenschutzgründen selbstverständlich stark verfremdet.

Starten möchte ich mit einer meiner neusten Errungenschaften: dem System- bzw. Familienbrett. Wie es im Namen schon anklingt, handelt es sich hierbei um einen Ansatz aus der systemischen Therapie (ich selbst bin allerdings keine ausgebildete Systemikerin). Ziel ist es, Beziehungen und Konstellationen auf einfache und prägnante Weise sichtbar zu machen.

Dazu stehen Holzfiguren in verschiedenen Farben zur Verfügung. Die Farben sorgen nicht nur für bessere Identifizierbarkeit, sondern auch für die Möglichkeit, die eigene Gefühlsbesetzung gegenüber der anderen Person zum Ausdruck zu bringen. Bei meinen Figuren sind kleine Punkte als Augen aufgezeichnet, um die Darstellung einer Blickrichtung zu ermöglichen.

Durch das Aufstellen von Figuren auf einem Brett wird das, was bisher oft nur in Gedanken oder gar auf einer nicht versprachlichten Ebene vorhanden ist, sichtbar und erlebbar; gleichzeitig ist eine Distanzierung vom Geschehen und ein „Blick von oben“ möglich. Dadurch eröffnen sich häufig neue Lösungsansätze, die immer wieder überraschend kreativ sind.

Fallbeispiel:
Sarah, Studentin, 20 Jahre alt. Vertrauensvolle Beziehung zur Mutter und kleinen Schwester; der Vater aufgrund einer psychischen Erkrankung häufig aggressiv und destruktiv. Sarah lebt relativ einsam und leidet sehr unter dem Vater (obwohl sie ihn selten sieht); kann sich innerlich wenig distanzieren. Vor Kurzem hat sie einen jungen Mann kennen gelernt, zu dem sich langsam eine (Liebes-)Beziehung entwickelt. Sarah stellt folgende Situation auf:


Systembrett, Familienbrett

(Grün: Sarah —– Holzfarben: Mutter & Schwester —– Schwarz: Vater —– Weiß: neue Beziehung)

Deutlich wird die enge Beziehung zur Kernfamilie (Mutter, Schwester und Vater). Die Spannung zwischen der grünen Figur, die Sarah repräsentiert, und der schwarzen Figur, welche den Vater repräsentiert, liegt förmlich in der Luft.

Es kommt zu etwa folgendem Dialog:

Ich: Wie geht es Ihnen, wenn Sie das so sehen?
Sarah: Nicht gut. Mein Vater ist zu dicht. Aber ich kann ihn ja nicht einfach weg stellen.
Ich: Nein, das nicht. Aber was könnten Sie selber denn verändern?
Sarah: Hm, keine Ahnung… weiter weg gehen will ich jetzt irgendwie nicht. 
Ich: Was brauchen Sie denn in dieser Situation?
Sarah (nach einigem Nachdenken): Eine Mauer! Oder einen Zaun! Irgendeine Grenze!

Sarah sucht sich eine Absperrung aus und stellt sie zwischen den Vater und sich.

Systembrett, Familienbrett


Ich: Und wie ist es jetzt?
Sarah: Viel besser.
Ich: Wie könnte diese Absperrung denn im echten Leben aussehen?
Sarah: … (hier entspinnt sich ein Dialog über Möglichkeiten der inneren und äußeren Abgrenzung)



Noch etwas ist im Bild auffällig: Sarahs neue Bekanntschaft steht sehr weit weg.

Ich: Und wie ist es mit Ihrer neuen Bekanntschaft? Die steht sehr weit weg.
Sarah: Ja. Er schaut mich ja auch an, aber ich bin nur auf die Familie fokussiert. Da ist gar keine richtige Verbindung. 
Ich: Möchten Sie denn eine Verbindung?
Sarah: Ja, schon… (dreht ihre Figur ein Stück in Richtung der weißen Figur) … das ist besser. Aber irgendwie ist da immer noch keine richtige Verbindung… (fängt an, Filz-Blüten zwischen die beiden Figuren zu legen) … so hätte ich es irgendwann gerne:

Sarah: … aber momentan ist es noch eher so:

… und das blieb auch erstmal so stehen.

————————————————-
Für Sarah war in der Stunde Folgendes wichtig:
– Die Erkenntnis, dass ihr Vater ihr „emotional“ zu nah ist
– Das Erarbeiten von inneren und äußeren Abgrenzungsmöglichkeiten
– Die Erkenntis, dass sie noch sehr im Familiengefüge verhaftet ist, während außerhalb bereits eine neue Beziehung auf sie wartet

Ich kann mir gut vorstellen, dass Sarah nach und nach den Schritt wagt, sich aus der emotionalen Verstrickung mit der Familie ein Stück zu lösen und mehr auf ihren Freund zugeht. Für die Aufstellung hat sie nur einen kleinen Teil des Bretts genutzt – es gibt also noch viel Platz, Nähe und Abstand zu regulieren.

An der Arbeit mit dem Systembrett gefällt mir insbesondere, dass die Klienten selbst gestalten können. Ich selber befinde mich mehr in der Beobachterrolle; gebe gegebenenfalls einige Anstöße, aber lasse die Klienten ihre eigene Kreativität nutzen, um eine Lösung zu finden, die für sie passend und momentan möglich ist.

Und für Interessierte hier noch ein kleiner Ausschnitt an Zusatzmaterial, das zum Einsatz kommen kann, um Beziehungen, Lösungen, … zu verbildlichen: (Weiteres ist auf dem Weg… ich werde berichten…) )

Bilder: privat

8 Gedanken zu “Aus der Praxis 1 – Arbeit mit dem Systembrett

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  6. Hallo Jessica,
    ich hab mal wieder unter Psychologie im reader geguckt und deinen Bericht aus der Praxis gelesen (die weiteren 5 Gedanken zu diesem Artikle sind nicht zu entschlüsseln). Aber ich wollte nur sagen, dass ich diese Figuren bis jetzt nicht kannte, zumal ich auch kein professioneller Psychotherapeut bin. Derzeit aber privat Menschen therapeutisch begleite, die in der Psychiatrie `festsitzen´ und zum 1. Mal versuche, mit einem DINa 4 – Heft über Zeichnungen des `Klienten´ mehr über diesen zu erfahren bzw. zu besprechen. Jetzt seht nur noch aus, was er alles aufgemalt oder geschrieben hat (bin gespannt). Auf dem Systembrett sehe ich übrigens auch einen Kugelschreiber, würde einen Bleistift aber vorziehen und Farben nicht ausschließen.
    Ich fang schon wieder an, dich vollzuquatschen…
    Schlussendlich hat mich dein Bericht zu neuen Ideen inspiriert!
    Gruß
    Jürgen aus Loy (PJP)

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Jürgen,

      hab herzlichen Dank für deinen Kommentar! Bin aufgrund von viel Arbeit und einer Abwesenheit erst jetzt zum Antworten gekommen… Das klingt sehr spannend, was du da mit deinen Leuten machst; falls du da mal was drüber schreibst oder hier noch was kommentieren magst, lese ich es sehr gerne!
      Der Kugelschreiber liegt da nicht in seiner Funktion als Schreibwerkzeug, sondern nur als kleines Zepter. Ich finde es aber eine interessante Idee, den Boden zu bemalen. In dem Fall würde ich wohl ein Blatt Papier unterlegen, damit das Holz in seinem ursprünglichen Zustand bleibt, aber die Idee finde ich sehr spannend! Wenn sich mal eine günstige Gelegenheit gibt, probiere ich das gerne mal aus!

      Viele Grüße,
      Jessica

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      1. Ganz kurz zurück:
        Ich habe zu den zeichnerischen Darstellungen noch andere Ideen und vergleiche das mal mit den Krimis, die wir täglich im TV zu sehen kriegen. Da wird der `Fall´ mit allen Fakten und Fotos immer irgendwo angepinnt, damit man den Überblick nicht verliert. Dann entsteht so ein `Beziehungsgeflecht´ an Fakten, das festgehalten wird.
        Ich benutze dafür etwas festere Dina5 Bögen…
        Mir fällt dazu gerade der Begriff `Portfolio´ ein. Weiß jetzt aber gerade nicht mehr, was das genau bedeutet. Hab mich wohl etwas verplappert, werde es mal googeln.
        Aber egal, da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.
        Mach`s gut!
        Jürgen aus Loy

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