Von der Tendenz, wertvolle Momente der Begegnung zu zerstören

Kürzlich stieß ich auf diesen Comic von Sarah Andersen, die es oft vortrefflich versteht, eine Begebenheit in ein passendes Bild umzuwandeln:

Quelle: http://sarahcandersen.com/

Hier geht es also konkret darum, einen Moment besonderer Nähe durch eine unpassende Aktion zu beenden. In diesem Fall durch einen schlechten Witz; genausogut könnte man ein Missgeschick produzieren: das Getränk verschütten, stolpern, sich verschlucken, ….
Das Tückische ist ja nun, dass wir das bewusst überhaupt nicht wollen. Die Frau im Comic macht sich im dritten Bild schon große Sorgen, dass ihr Gehirn den Moment durch das „Abwerfen“ des schlechten Witzes zerstört – was dann auch eintrifft. Wie können wir das verstehen?

In der Transaktionsanalyse sprechen wir hier – wie es im Englischen des Comics auch schon anklingt – von Intimität. Unter Intimität versteht man in der Transaktionsanalyse eine Form der menschlichen Begegnung, die frei von Hintergedanken, Berechnung, aber auch „unechten“ Anteilen der eigenen Persönlichkeit ist. Man könnte auch sagen: eine „echte“ Begegnung der Seelen ohne die Masken, die wir so häufig tragen. In diesen Momenten sind wir auch besonders verletzlich. Und hierin liegt vielleicht der Schlüssel, um diesen Comic zu verstehen: Unsere Angst vor „echter“ Begegnung, da wir dort immer das Risiko eingehen, doch verletzt zu werden.

Von vielen Menschen wird Intimität in Beziehungen (oft unbewusst) als höchst bedrohlich erlebt, meist aufgrund früher negativer Erfahrungen mit den wichtigsten Bezugspersonen. Bei diesen negativen Erfahrungen kann es sich beispielsweise um die Frustration von grundlegenden Bedürfnissen handeln (das Kind zeigt sich verletzlich und will getröstet werden, die Bezugsperson verweigert den Trost) oder um emotionale Ausbeutung (das Kind zeigt sich ganz „echt“ mit allen Bedürfnissen nach Nähe und Geborgenheit, während die Bezugsperson dort selbst ein Bedürfnis hat und die Nähe des Kindes ausnutzt, um das eigene Bedürfnis nach Nähe zu befriedigen, ohne, dass es wirklich um das Kind geht). Meist sind uns diese Beziehungserfahrungen bewusst nicht mehr zugänglich, kommen allerdings beispielsweise in der im Comic gezeigten Weise zum Ausdruck.

Die Intimität scheint hierbei ambivalent besetzt zu sein: Bewusst erleben wir die Angst, den Moment der Intimität, nach dem wir uns alle sehnen, zu verlieren, während wir unbewusst eine Möglichkeit inszenieren, um diesen Moment (aus Angst vor Verletzung/Ausbeutung/…) zu beenden.

Lösen können wir dieses Dilemma meist nur dann, indem wir uns – unter Umständen mit professioneller Hilfe – die alten Beziehungserfahrungen bewusst machen, die Wunden versorgen und mit unseren erwachsenen und fürsorglichen Anteilen gute Beziehungen in der Gegenwart suchen, in denen wir Intimität wagen können. Auch dann bleibt der Schritt ins Ungewisse; verletzt werden können wir immer noch. Aber im Gegensatz zu unserer Kindheit haben wir nun andere Möglichkeiten und innere Anteile, um uns selbst zu stabilisieren und gegebenenfalls zu versorgen.

Tja… wir Menschen sind und bleiben doch komplizierte Wesen…

An dieser Stelle im Übrigen ein herzliches Willkommen allen neuen Followern, die seit dem letzten Willkommensgruß hinzugekommen sind! Ich freue mich sehr über jeden Einzelnen von euch!
Auch wenn ich nicht jedem von euch „zurück-followen“ kann, schaue ich doch ab und an mal vorbei! 🙂

Bild: privat

Ein Gedanke zu “Von der Tendenz, wertvolle Momente der Begegnung zu zerstören

  1. Verletzen wir uns nicht jedes mal etwas mehr, wenn wir aus unbewusstem Selbstschutz nicht auf so eine intime Situation eingehen?

    Und eine weitere Frage, wie könnte so eine unbewusste beziehungsweise verdrängte Erfahrung therapiert werden. Liegen solche „Wunden“ nicht sehr tief?

    Vielen Dank für diesen interessanten und zum Denken anregenden Artikel!
    Leider fallen mir auch Situationen ein, in denen ich nicht „offen“ auf diese Intimität eingegangen bin. 😦
    Ich bin also zumindest schon mal sensibilisiert!

    Liebe Grüße
    John

    http://www.borderlinepartner.de

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