„Haben Sie auch so Probleme wie normale Menschen?“

Kürzlich habe ich in einer Hauptschulklasse (Alter der Schüler: zwischen 16 und 19) einen Suchtpräventionsvortrag zum Thema „Computerspiele“ gehalten. Ich hatte mich als Psychologin vorgestellt, woraufhin sich in etwa Folgendes abspielte:

Schüler 1: „Boah krass… also Sie sind so… Psycho…was? Psychologin? Boah… dann können Sie mich jetzt so voll analysieren und so, wie ich mich beweg und was ich eigentlich mein und so, oder? Und was ich so denk? Kann man Sie dann gar nicht anlügen??“

Das erinnerte mich ein wenig an die Begegnung mit der älteren Dame, von der ich hier berichtet habe. Eigentlich hätte ich diese ehrfürchtige Vorstellung ja erstmal bestätigen und erst am Schluss auflösen sollen, aber die Klasse hatte bis dahin so gut mitgemacht, dass ich mich getraut habe, mich zu „outen“. 😉

Auch dieser Schüler schien einerseits erleichtert, aber andererseits auch ein wenig enttäuscht, als ich ihm mitteilte, dass das nur Klischees sind. Natürlich haben wir durch unsere lange Ausbildung und durch unsere Berufserfahrung gewisse Fähigkeiten entwickelt und können eher korrekte Hypothesen aufstellen als Laien, aber es bleiben dennoch Hypothesen, die wir nur im Verlauf einer Behandlung prüfen können.
Klasse war dann auch noch Schüler 2, der den Titel für diesen Beitrag lieferte:

Schüler 2: „Haben Sie eigentlich auch so Probleme wie normale Menschen? … Also, machen Sie sich auch mal Sorgen über was?… Oder… also wenn Sie das haben, wissen Sie dann immer sofort, wie man damit umgeht und so??“

Das fand ich ja richtig sympathisch! 😀 Aber auch hier gilt: Nein, wir sind keine Übermenschen. Auch ich mache mir Sorgen, auch ich trauere, auch ich habe mal irrationale Ängste oder kann meine Gefühle mal kurz nicht einordnen und das ist auch gut so. Wie sollte ich denn sonst mit Klienten arbeiten können? Sicher bin ich auf meinem „inneren Weg“ schon ein Stück weiter und kann mit schwierigen (innerseelischen) Situationen bei mir besser umgehen als meine Patienten; dafür absolvieren wir während unserer Ausbildung schließlich einige hundert Stunden Selbsterfahrung, gehen also selber bei einem Psychotherapeuten in sogenannte Lehrtherapie bzw. Lehranalyse. Dadurch legen wir bei uns selbst ein ausreichend stabiles und uns selbst bekanntes inneres Fundament, das uns ermöglicht, gut mit unseren Patienten zu arbeiten.

Andernfalls könnte es passieren, dass wir beispielsweise eigene ungelöste Konflikte unbewusst in den Patienten bzw. dessen „Problemlage“ hinein projizieren und damit unbewusst eher unsere eigene seelische Gemengelage während der Therapie versuchen zu lösen als tatsächlich die vom Patienten.

Nach der Prävention verließ ich dann das Haus, um zu meiner Arbeitsstelle in einer Jugendwohngruppe zu fahren. Auf dem Parkplatz begegnete ich allerdings noch ein paar Schülern, die in der Suchtprävention saßen:

Schüler 3: „Boah, Frau Kathmann, haben Sie jetzt Feierabend? Gehen Sie jetzt zocken??“
Ich: „Nee, Geld verdienen. Danach hab ich noch einen privaten Termin, komme um 10 nach Hause und gehe dann ins Bett. Heute wird nicht gezockt.“
Schüler 3: „Oh…“
Ich: „… aber Sie gehen nachher zocken, oder?“
Schüler 3: „Ja klar, mann! Aber jetzt erstmal Schule!“

12 Gedanken zu “„Haben Sie auch so Probleme wie normale Menschen?“

  1. Das ist irgendwie sympathisch. Sowohl von den Schülern als auch von dir. Bist du eigentlich eine ‚Zockerin‘? Ich war es lange Zeit, aber ich bin in den letzten Jahren etwas langweilig geworden. Statt zu spielen wird hier gehäkelt 😁

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    1. Vielen Dank! 🙂
      Tja, ab wann ist man eine Zockerin? Ich habe insbesondere früher sehr gerne gespielt, da hatte ich auch noch mehr Zeit. Heute nehme ich mir aufgrund meines vollen Terminkalenders meist nur ein, zwei Abende im Monat Zeit dazu, in manchen Monaten spiele ich auch gar nicht. Aber vom Prinzip spiele ich durchaus immer noch sehr gerne und lebt die „Zockerin“ in mir noch, es gibt auch viele tolle Titel, die ich gerne mal durchspielen würde, aber ich lege meine Prioritäten derzeit einfach anders. 🙂
      Was hast du denn so gespielt?
      Deine Häkeleien sind auf jeden Fall sehr schön! Das ist eben der große Vorteil gegenüber der virtuellen Welt – sowas hat auch ohne Strom Bestand….

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      1. Liebe Jeca,
        ich komme gar nicht nach mit dem Antworten 🙂 Meine Zeit auf WordPress halte ich sehr begrenzt. Ich spiele gerne Rollenspiele, Point and click Adventures und Adventures. Eigentlich mag ich viele Arten von Spielen (on- und offline). Nur der typische Shooter muss es nicht sein. Was spielst du denn gerne? Zur Zeit hat mich Grim Dawn gepackt. Das ist ein ActionRPG und ähnlich wie Diablo oder Sacred, falls dir das was sagt. Seit langer Zeit kann ich mich mal wieder in einem Spiel etwas verlieren. In Flow kommen 🙂
        Viele Grüße von Annie

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        1. Ohje, ich hoffe, du machst dir wegen des Antwortens hier keinen Stress! 🙂 Ich finde es gut, dass du deine WordPress-Zeit bewusst eingrenzt.
          Schön, Rollenspiele mag ich auch sehr gerne und Adventures auch; Point & Click mache ich eher selten. Grim Dawn kenne ich gar nicht, das werde ich bei Gelegenheit mal googlen! Diablo und Sacred sind mir natürlich ein Begriff. 🙂
          Ich spiele derzeit (wenn ich denn mal Zeit finde) gerne Tomb Raider, bin gerade beim letzten Teil der aktuellen Trilogie (*schnüff*), also „Shadow of the Tomb Raider“. Für ein Therapeuten-Seminar habe ich neulich Counterstrike ausprobiert und war positiv überrascht! Eigentlich sind Egoshooter auch nicht so meins, aber das war durchaus spannend…
          Und das Wurzelimperium (Browsergame) hat mich mal wieder gepackt… :)) Da kann ich mal kurz zwischen Tür und Angel ein paar Klicks setzen und ein bisschen Gemüse ernten… jaja, das Belohnungssystem… :))

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