Auch Psychologen kochen nur mit Wasser

Kürzlich war ich auf einer Weihnachtsfeier eingeladen und hatte Gelegenheit, mit einer Dame ins Gespräch zu kommen. Wir kennen uns schon viele Jahre und unterhalten uns immer wieder gerne. Sie erzählte mir etwas Persönliches und schloss ihren Bericht mit dem Satz ab: „Aber du bist ja Psychologin, das weißt du ja bestimmt schon ganz lang„.

Hat sie Recht? Wusste ich das schon ganz lang?

Solche Aussagen begegnen mir recht häufig. „Das hast du ja sicher schon bei unserer ersten Begegnung gesehen!“, „Ich hab mich selber da noch nicht verstanden, aber du kannst mir das ja bestimmt erklären“ oder „Ach, das hast du ja eh schon gemerkt“ sind nur einige Beispiele. Offenbar traut man mir durch meinen Beruf Superfähigkeiten zu. Ein Mal sagte ich im Spaß zu jemandem: „Ja, wie man Leute durchschaut, indem man ihnen ein Mal tief in die Augen sieht, lernt man im dritten Semester!“. Die Person sah mich daraufhin mit großen Augen an und formte mit dem Mund ein erstauntes „Ooooh“. Erst in dem Moment begriff ich erschrocken, dass man mir das geglaubt hat. Aufklärung war also angesagt….

… ich darf das gar nicht mit Absicht machen!

Was oft nicht bedacht wird: Auch uns Psychologen gibt es als Fachleute und als Privatleute. Und als Privatmensch lasse ich meinen Beruf auch gerne mal Beruf sein und unterhalte mich einfach nur zwanglos.
Natürlich kann ich nicht mein ganzes Fachwissen völlig ausblenden und manches geschieht intuitiv. Wenn mir eine Person gegenüber sitzt, die sich hoch pathologisch verhält, poppt durchaus mal eine Verdachtsdiagnose bei mir auf.
Aber: ich darf das gar nicht mit Absicht machen! Denn: Das ist verboten! Genau genommen handelt es sich beim Diagnostizieren nämlich um einen Baustein einer Heilbehandlung und die darf ich nur nach Aufforderung und Einwilligung durch den Patienten durchführen.

Die nächste Frage ist: Können wir das überhaupt? Wusste ich schon im Voraus, was die Dame mir erzählt hat? Habe ich mein Gegenüber schon verstanden, bevor es sich selbst verstanden hat?
Ehrlich: ziemlich oft nicht. Im Privatkontext: Manchmal habe ich vielleicht intuitiv eine Ahnung, vielleicht kombiniert sie sich unbewusst auch mit irgendwelchem Fachwissen, aber private Beziehungen gehe ich nicht unter dem therapeutischen Aspekt an, geschweigedenn, dass ich Aussagen unter diesem Gesichtspunkt durchdenke. Das wäre zwar nicht verboten, aber ich fände es keineswegs ethisch.
Im professionellen Kontext mache ich mir diese Gedanken natürlich schon, schließlich habe ich dann den Auftrag dazu. Hier soll ich ja Hypothesen generieren, warum ein Mensch z.B. unter bestimmten Symptomen leidet oder bestimmte Dinge tut oder nicht tut. Aber auch hier erlebe ich es oft eher als einen gemeinsamen Suchprozess, den ich natürlich durch mein Fachwissen anreichere, als dass ich die Lösung schon im Vorfeld parat hätte – auch wenn ich häufig schon die „richtige Richtung“ im Kopf habe.

Manchmal frage ich mich (…), aus welcher Haltung so ein Satz stammt

Manchmal frage ich mich allerdings nach solchen „ehrfürchtigen“ Sätzen wie „das hast du ja bestimmt schon längst analysiert!“, aus welcher Haltung so ein Satz stammt. Ist es Sorge, die Kontrolle darüber zu verlieren, was man sich zeigt? Scham? Schwingt vielleicht auch manchmal der Wunsch mit, es möge doch irgendwo so eine Person geben, die mich besser versteht als ich mich selbst? Endlich mal von jemandem so richtig verstanden werden?

Ich bin ehrlich gesagt froh, nicht über einen psychologischen Röntgenblick zu verfügen, sondern meinem Gegenüber die Zeit lassen zu können, die es benötigt, um mir Persönliches mitzuteilen. Manchmal erahne ich vielleicht etwas, aber ich kann es nicht mit Sicherheit wissen und das ist gut. Und wenn wir schlussendlich gemeinsam beim „Verstehen“ und „Verstandenwerden“ angelangen, haben wir etwas Wunderbares erreicht.

Wie geht es euch mit dem Thema? Wünscht ihr euch von Psychologen / Therapeuten manchmal diese hellseherischen Fähigkeiten? Den Röntgenblick?
Und ihr Kollegen? Macht ihr ähnliche Erfahrungen wie ich?
Ich freue mich auf einen regen Austausch!

Und: Ein herzliches Willkommen allen neuen Followern! 🙂

Bild: privat

4 Gedanken zu “Auch Psychologen kochen nur mit Wasser

  1. Ich muss ehrlich sagen, dass ich bisher öfter über diese Vorurteile, die ja auch schon Psychologiestudenten erreichen, gehört habe als sie tatsächlich selbst zu erleben. Wenn dann empfand ich es bisher eher als Türöffner mit dem Gegenüber über tiefere und ernstere Themen zu diskutieren, weil sie sich mehr trauen, wenn ich sage das ich Pscyhologie studiere. Aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass ich es liebe über Themen zu diskutieren. 😉

    Auf jeden Fall würde ich sagen, dass mir schon öfter psychologische Phänomene auffallen (nicht im pathologischen Sinne, sondern eher aus der Sozia- oder Persönlichkeitspsychologie) und manchmal kann ich dann auch meine Klappe nicht halten und muss mein Gegenüber über seinen Denkfehler aufklären. Das mache ich aber nur bei mir nahe stehenden Personen.

    Aber ich finde es immer wieder erstaunlich wie sehr Außenstehende denken, dass man jeden Menschen mit entsprechender Ausbildung durchschauen kann. Und die Tatsache, dass diese Frau dir wirklich geglaubt hat, dass du alles von ihr weißt, zeigt mir, dass wir in so vielen Bereichen einfach nicht Bescheid wissen. Das soll kein Vorwurf sein. Ganz im Gegenteil. Ich weiß auch in so vielen Bereichen gar nichts. Daher ist es wichtig, dass man vorsichtig ist, was man tatsächlich weiß oder auch meint zu wissen. Ok, ich komme vom Thema ab, aber das wollte ich noch kurz hinzufügen. 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Jeca (Psychologik)

      Liebe Julia,

      Das ist ja spannend! In meiem Gefühl ist es so, dass es vor allem nicht-studentische Menschen sind, die den Psychologen diese „Superkräfte“ zutrauen.
      Du hast natürlich vollkommen damit Recht, dass das andererseits auch ein großer Türöffner sein kann, um „gute“ Gespräche mit Menschen zu führen. Allerdings merke ich, dass ich gut aufpassen muss, innerlich die Grenze zu ziehen, ab wo ich dann wirklich in meine fachliche Rolle rutschen würde. Natürlich treffen sich die private und fachliche Rolle in mir drin und kann ich die nicht ganz sauber trennen, aber so eine gewisse Trennung ist auch für die eigene seelische Gesundheit einfach ziemlich wichtig.

      Ich fand das sehr sympathisch, wie du das mit den „Denkfehlern“ geschrieben hast, über die du allerdings nur die dir nahe stehenden Personen dann auch aufklärst. 🙂

      Und ganz genau, das liegt natürlich daran, dass diese Leute einfach gar nicht „drin“ sind in der Materie und ja auch gar nicht genau wissen können, was wir lernen und was wir ganz konkret damit tun (können). Ich habe deine Worte auch gar nicht als Vorwurf aufgefasst, schließlich ist das schlicht eine Tatsache. Wir sind ja, wie du richtig schreibst, dafür in vielen anderen Dingen nicht „drin“. 🙂

      Liken

      1. Ich denke, dass es für dich da nochmal schwieriger ist, da du ja wesentlich mehr Ahnung hast und sofort merkst, wenn du zb irgendwelche Methoden beim Gegenüber anwendest. Was mir aber schon auch bei mir auffällt ist, dass ich manchmal die Psycho-Schiene ausstellen muss, weil es irgendwann anstrengend wird, wenn man zu viel in diesem Rahmen denkt. 😉

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  2. Pingback: „Haben Sie auch so Probleme wie normale Menschen?“ – Psychologik

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